Negersiedlung - Linz's vergessener Stadtteil

 


Haus Nr. 70 - Fam. Märzinger

 

Eine Zeitreise durch die Negersiedlung

Alles konnten die Firmen, die die Negersiedlung zu einen Industriegebiet umgewandelt hatten, den Menschen, die wie wir einst dort wohnten und aufgewachsen sind, nicht nehmen: nein Gedanken und Erinnerungen, die leben weiter.
Ende es 19. Jahrhunderts wurde mit dem Abriss der ersten schmucken Häuser begonnen. Weitere Häuser wurden 2004 bis 2006 dem Erdboden gleichgemacht. Die voestalpine AG stellt jetzt die heißen Blechbunde auf die Plätze ab, wo einmal Häuser standen, die aus Stein, Ziegel und einer Holfassade gebaut wurden. Die Holzfassade wurde mit Altöl gestrichen, um der Witterung Stand zu halten. Das Altöl konnte man um’s billige Geld beim Hochofen kaufen. Die schwarz gestrichene Holzfassade verlieh der Negersiedlung ihr Aussehen, auch wenn am 13. Mai 1938 der Spatenstich für das damalige Hermann-Göring-Werk auch gemacht wurde und nach einer Überlieferung, dass die ausgesiedelten Familien arbeitslos waren und kein Geld hatten. Aus diesem Grund entstand der Name Negersiedlung. Kurz gesagt: Die Familien hatten kein Geld in ihren Geldbörsen, sie waren neger. Aber die Nachkommen des 21. Jahrhunderts sind der Meinung, die schwarze Holzfassade der Häuser verlieh der Negersiedlung ihren eigenen Charakter und Flair.

Zu meiner Person:

Mein Mädchenname war Maria Märzinger, mein ehelicher Name ist Blasenbauer. Ich wohnte zusammen mit meiner Familie in der Gaisberger Straße 70. Die Familie bestand aus sieben Mitgliedern: Opa Plakolb, dessen Lebenskerze am 14. Apr. 1956 für immer erlosch. Am 10. November desselben Jahres erlosch auch die Lebenskerze meines Vaters Josef Märzinger. Somit stand unsere Mutter mit vier Kindern alleine da. Irgendwie musste es weitergehen. Es ging auch weiter. Die Namen meiner Geschwister lauten: Adolf Gruber (aus einer ersten Ehe meiner Mutter), Josef, Franz und ich, die Maria aus zweiter Ehe. Nicht nur, dass die angesiedelten Familien 1936 kein Geld hatten, Geld war auch in den Nachkriegsjahren in den meisten Familien Mangelware – und so auch bei uns.

Unser Fleischbedarf war durch die eigene Tierwirtschaft gesichert, Unsere Gänsedenn wir hatten Enten, Gänse, Hühner und ein Schwein. Das alles schön und gut, aber unsere Tiere brauchten was zum Fressen. Das hatte sich unsere Mutter erarbeitet, mit einem Tauschhandel vom Heu zum Futter. Es gab einen Kohlenhändler bei der Wahringer Straße, den Kohlenhändler namens Rauch, der nicht nur mit Kohlen handelte, nein auch mit Getreide, wie Hafer, Weizen und Mais sowie mit Heu. Ich kann mich noch erinnern, wenn man zum Rauch kam, musste man über den Hof in einen Lagerraum gehen. Im Lagerraum standen große Blechtonnen für die Brückenwaage. Die Blechtonnen waren gefüllt mit Hafer, Weizen und Mais. Auch das Heu war in diesem Lagerraum untergebracht. Kohlen, wie Briketts und Braunkohle waren in Kojen neben dem Lagerraum gelagert, denn die rußige Angelegenheit vom Kohlenstaub wäre für das Getreide und das Heu nicht gut gewesen. Frau Rauch verkaufte Kohlen, Getreide und Heu. Unsere Mutter tauschte Heu mit Futter. Aber noch einmal zurück zum Tauschhandel unserer Mutter und dem Kohlenhändler Rauch: Die Mama ist um drei Uhr morgens aufgestanden, nahm die Sense, ging auf die Wiese (auf der seit 2009 eine Firma, welche Betoneisengitter erzeugt, steht), um zu mähen. Frau Schwarz hatte die Mama beim Mähen unterstützt. Die beiden Frauen mähten, was das Zeug hielt, denn die Wiese war sehr groß. Das gemähte Gras wurde im Laufe des Tages mit der Heugabel und einen Holzrechen umgedreht, dass es leicht trocknen konnte. Das getrocknete Gras wurde auf einen Eisengestell, dem sogenannten „Heiger“ aufgeschichtet, um total austrocknen zu können. Das frische Heu, das roch. Als das Heu fertig getrocknet war, ging die Mama zu Herrn Rauch, um des ihm zu sagen, er könne das Heu abholen. Herr Rauch: „Ja gut, dann bis morgen!“ Es musste das schöne Wetter genutzt werden, denn bei Regen wäre das schlecht gewesen. Herr Rauch kam mit seinem Traktor samt Anhänger, um das Heu aufzuladen. Beim Aufladen vom Heu halfen Frau Schwarz und Frau Peherstorfer mit. Die Frauen: „Woat Miazl, wir helfen dir!“ Herr Rauch stand oben am Anhänger, um das Heu etwas festzutreten. Zwei Frauen gaben mit der Heugabel das Heu hinauf. Herr Rauch schichtete es zusammen. Die dritte im Bunde war mit dem Rechen beschäftigt, bis der letzte Grashalm am Anhänger verstaut war. Herr Rauch fuhr damit nach Hause und verkaufte das Heu weiter an Kunden. Unsere Mutter bekam dafür das Futter für die Tiere. So sah der Tauschhandel aus.

Da musste unsere Mutter fleißig und hart arbeiten, um für uns Kinder Sorge zu tragen. Die Arbeit unserer Mutter sah so aus: Wo heute in der Gaisberger Straße der Werksposten steht, war früher eine große Wiese. Die Wiese, wie ich noch weiß, wurde mit einem Pferdegespann umgeackert. Das Pferdegespann gehörte Herrn Guger aus der Kunstmühle in Kleinmünchen Herr Guger kam mit dem Pferdefuhrwerk, wo der Pflug hinter das Pferd gespannt. Somit stand dem Ackern nichts mehr im Wege. Herr Guger hatte seine Arbeit getan und für unsere Mutter begann ab diesem Zeitpunkt die Arbeit erst richtig los. Sie musste mit der Spitzhacke die Ackerfurchen ebnen und mit dem Rechen die Erde möglichst glatt bekommen, dass sie Beete machen konnte, um das Saatgut von verschiedenen Samen, wie Bohnen, Gurken, Saatkartoffel, um nur einiges zu nennen und unter die Erde zu bringen. Aber auch Salatpflanzen, Kohl und Krautpflanzen hatte unsere Mutter angepflanzt. Mit dem Anbau von Gemüse war schon ein Teil vom Lebensunterhalt gesichert. Herbst, das hieß Erntezeit. Erdäpfel, Kohl, Kraut und noch so verschiedenes Gemüse wurde im Keller eingelagert. Aber aus einigen Krauthäupteln wurde ein feines Sauerkraut gemacht. Die Zubereitung vom Sauerkraut ging so: Die fein geputzten Krauthäuptel wurden mit dem Krauthobel in das Holzfass gehobelt, gesalzen und Gewürze dazu gegeben. Das Schöne daran, ich durfte als Kind das gehobelte Kraut mit Gewürzen und Salz mit bloßen Füssen fest zusammentreten. Auch meine Arbeit war getan. Das Holzfass wurde in den Keller getragen. Das gehobelte Kraut wurde mit einem sauberen Leinentuch zugedeckt, mit den Brettern vom Fass und mit einem Stein beschwert. Somit konnte in Ruhe das Kraut bis Weihnachten zu einem schmackhaften Sauerkraut reifen. Guten Appetit!

Text: Maria Blasenbauer (geb. Märzinger)

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